Sternenlicht

Mach die Tür auf!“ Er schreit, aber ich habe zu große Angst, als das ich die Tür öffnen könnte. Warum tut er das? Warum tut er es immer und immer wieder? Mein Körper ist schon mit blauen Flecken übersäht. Ich muss immer eine Sonnenbrille und Schminke tragen, damit niemand sieht, dass er mich in mein Gesicht schlägt. Ich darf keine Freunde haben, weil er Angst hat, ich könnte ihnen sagen, was hier passiert.

„Meine Kleine, warum machst du die Tür nicht auf?“ Seine Stimme klingt jetzt ganz lieb. Was sollte sie jetzt machen? „Wir können doch über alles reden.“ Seine Stimme wird jetzt leiser, so, als ob er von der Tür weggeht. Aber im nächsten Augenblick kann ich hören, wie er brutal gegen die Tür rennt. „Mach Tür auf, oder ich trete sie ein!“ Jetzt schreit er wieder.

Ängstlich verkrieche ich mich in der dunkelsten Ecke meines Zimmers. So habe ich ihn noch nie erlebt. Was wird er jetzt wohl tun? Ich weiß es nicht und, dass macht mir Angst. Draußen ist es mittlerweile ruhig geworden, die Sterne stehen am Himmel und funkeln mich an, sie zwinkern mir zu. Ich will zu diesen Sternen. Es muss schön sein da oben. Ich stehe auf, gehe zum Fenster und setzte mich auf die Fensterbank. Er hat es mir zwar verboten, aber ich kann nicht anders. Das Licht in meinem Zimmer ist gelöscht, damit ich mir die Sterne ganz genau ansehen kann.

Alle sagen, dass Sterne alle gleich aussehen, aber das stimmt nicht. Wenn man ganz genau hinguckt, kann man sehen dass jeder Stern seine eigene Farbe hat. Meine Blicke fallen auf den Mond. Es ist lange her, dass ich ihn in so voller Pracht gesehen habe. Den Mond. Aber ich mag den Mond nicht so gerne, denn um ihn herum sind keine Sterne. Ich öffne mein Haar und es fällt mir über die Schultern. Ich mag mein Haar. Es ist das Einzige an mir, was er nicht entstellen kann. Es ist lang und schwarz. Ob es den Sternen auch gefällt? Mein Haar.

Ich kann hören, wie er wieder und wieder gegen die Tür schlägt, aber es stört mich nicht. In der Fensterscheibe kann ich sehen, wie sich das Sternenlicht in meinen Augen wiederspiegelt. Sie sind so schön und sind nie alleine. Es sind so viele Sterne, dass ich sie gar nicht zählen kann. Mama hat die Sterne auch immer gemocht. Ich weiß nicht viel von meiner Mama, nur dass sie immer, wenn die Sterne aufgingen, auf den Balkon ging und sich mit mir die Sterne ansah.

Sie hat dann manchmal geweint und gesagt, das sie bald auch ein Stern seien würde. Dann eines Tages hat sie es auch gemacht. Ich weiß nicht warum damals alle geweint und mich beschimpft haben. Sie sagten, ich sei ein undankbares Kind, weil ich nicht um meine Mama weinen würde. Ich habe ihnen damals versucht zu erklären, dass meine Mama jetzt ein Stern ist und ich mich freue, dass sie es ist, weil sie es sich schon so lange gewünscht hatte. Aber dann haben sie alle noch mehr geweint.

Einer der Sterne blinzelt mir zu. Er ruft mich. „Komm her zu mir! Mach das Fenster auf, ich will dir nahe sein!“ Zögernd blicke ich zur Tür. Er hat aufgehört, dagegen zu rennen. Vielleicht ist er müde geworden und ist gegangen. Ich darf das Fenster nicht öffnen. Er hat Angst, dass man mich sehen könnte. Aber ich kann nicht anders. Ich muss den Sternen näher sei. Die Klinke ist ganz kalt, als ich sie berühre. Ich öffne ganz vorsichtig das Fenster und lehne mich hinaus. Ich will den Sternen so nahe wie möglich sein, damit ich nicht mehr so alleine bin. Sie sind so schön. Sie sind so viele, und sie sind niemals einsam, so wie ich es bin denn, sie sind alle Freunde. Ich will zu ihnen, aber sie sind so weit weg, dass ich sie nicht erreichen kann. Plötzlich knallt die Tür auf und ich zucke zusammen. Jetzt ist er in dem Zimmer. Ich verliere das Gleichgewicht und falle nach vorne. Der einzige Laut, der meiner Kehle entschlüpft, ist ein leises Keuchen, als ich falle. Ich schließe die Augen, und erst jetzt merke ich, dass ich nicht falle, sondern fliege. Ich fliege den Sternen entgegen. Ich fühle den Wind, wie er auf mein Gesicht bläst, mein Haar streichelt, so wie Mama es immer getan hat. Dann tut mir plötzlich alles weh. Was ist passiert?

Ich kann fühlen, wie mich jemand herum dreht. Er ruft etwas, aber ich verstehe es nicht. Ich bin schon zu weit weg. Noch einmal öffne ich meine Augen. Ich sehe Sterne, überall wunderschöne strahlende, bunte Sterne und meine Mama. Sie steht zwischen den Sternen und winkt mir zu. Ich freue mich sie zu sehen und laufe auf sie zu, und als sie mich in ihren Armen hält, weiß ich, dass ich jetzt auch ein Stern bin.

ENDE

~ von Shidave am Januar 3, 2009.

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