Night
„Tür auf!!! Kalt!!!“
Energisch trat sie gegen die verschlossene Tür. Sie hatte es schon vor fünf Minuten aufgegeben, sinnvolle Sätze zu bilden und beschränkte sich nun auf das Wesentliche.
Endlich hörte sie schlurfende Schritte hinter der Tür und das Klimpern von Schlüsseln.
„Ging das nicht schneller?“ beschwerte sie sich, als sie sich an dem erstaunten Mann vorbei durch die geöffnete Tür drängelte.
„Endlich“ Seufzte sie erleichtert, als sie in der Mitte des Zimmers stand.
„Hast du eigentlich eine Ahnung, wie arschkalt es draußen ist? So eine Kälte gehört verboten. Warum machen sie das eigentlich nicht mal? Ich mein, die haben für alles und jeden ein Verbot. Warum nicht auch für diese beknackte Kälte?“ Schimpfte sie lauthals, während sie sich aus vier Schichten schälte, die aus einem Mantel, einem Anorak, einer Windjacke und einer Stickjacke bestanden. Darunter trug sie einen dicken schwarzen Rollkragenpullover.
Zum Schluss nahm sie noch ihren Schal ab und setzte sich auf einen Stuhl, der vor dem Küchentisch stand.
„Warum kannst du nicht in deine eigene Wohnung gehen und dich da in dein Bett legen, wie jeder normale Mensch auch?“ beklagte sich der junge Mann, dem die Wohnung gehörte.
„Geht nich.“ Kam es kurz angebunden von ihr. „Der Hausbesitzer hat mir den Strom und die Heizung abgedreht, weil ich die letzte Rechnung nicht bezahlen konnte.“ Sie zuckte die Schultern, wobei ihr feuerrotes Haar weich über selbige fiel. Von draußen, klang das Schrillen einer Polizeisirene herein und sie zuckte zusammen. „Außerdem hat er die Polizei gerufen, weil ich den, ach so süßen Pudel seiner Frau rasiert habe.“
„Du has was?“
„Guck nicht so ungläubig, Simon. Du wusstest es und ich wusste es auch, dass der Tag kommen würde, an dem jemand, dieses kleine Mistviech scheren würde. Es war nur nicht zu ersehen, das ich Diejenige sein würde, welche.“
„Ich fass es nicht.“ Der blonde Mann, schüttelte den Kopf und versuchte ein Lachen zu unterdrücken. Er hasste diesen Hund, wie alle anderen Hausbewohner auch. Mrs Brown, die Ehefrau des Vermieters hatte nämlich die schlechte Angewohnheit, ihren Rassepudel Pinki im Hausflur Gassi zu führen. Da konnte es schon einmal vorkommen, daß man sich, wenn man morgens die Wohnung verlassen wollte in einer Tretmiene von gigantischem Ausmaß wieder fand. Die Mieter hatten oft untereinander gewitzelt, dass man diesen vierbeinigen, gepetzten Darm am besten mal eine Enthaarungsschaum Packung ins Fell schmieren sollte. Als Strafe dafür, das die Hausbewohner oft viel Zeit damit verbrachten, den Gestank von ihren Sohlen zu bekommen.
Und sie hatte es nun tatsächlich getan. Simon reichte ihr eine Tasse mit heißem Tee, den sie erst einmal dazu verwendete um sich ihre Finger zu wärmen.
„Und was war das für ein Gefühl?“ Bohrte er, nachdem sie einen Schluck genommen hatte.
„Du ahnst gar nicht wie gut das getan hat.“ Ihre Augen strahlten. „Es wird Monate dauern, bis das Fell wieder nachgewachsen ist und sie wird sich nicht aus der Wohnung trauen, bis es soweit ist.“
„Bist du ganz sicher Night? Immerhin, man kann nicht wissen, vielleicht erkältet sich das Tier und du bekommst eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung eines Tieres.“
Sie sah ihn überrascht an. Fing sich dann aber doch wieder schnell. „Papalapap. Als ich ihn rasiert habe war die Heizung noch an und ich hab ihn in ne Decke gewickelt, als ich ihn bei Browns vor die Tür gesetzt hab.“
Night nahm noch einen tiefen Schluck aus der Tasse um Ruhe vorzuspielen. Aber das rastlose umherirren ihrer Augen verriet, das sie angestrengt nachdachte.
„Dem wird schon nichts passiert sein.“ Sagte sie schließlich, mehr zu sich selbst, als zu Simon, der ihr gegenübersaß.
Vor der Tür waren die eiligen Schritte der Polizisten zu hören, die den Flur entlang liefen.
„Ich fürchte, ich muss dich jetzt verlassen.“ Night grinste und erhob sich von ihrem Platz.
„Mr Andrews, machen sie die Tür auf! Hier spricht die Polizei.“
„Du hast doch mehr gemacht, als nur den Hund zu rasieren. Sonst würden die doch nicht so den Aufstand proben.“
Night schien wieder scharf nachzudenken. „Es könnte durchaus sein, das sie auf den Videoaufnahmen gesehen haben, wie du deine Bank überfallen hast.“
Simon starrte sie entgeistert an. Er war seit Monaten nicht mehr in die Nähe seiner Bank gekommen. Night war es, die ihm erzählt hatte, dass die Bank überfallen worden war. Sie war an diesem Tag da gewesen und hatte ihm alles Haarklein berichtet.
„Bist du dir da so sicher?“ Sie grinste ihn an.
Es war ein Grinsen, das die Hölle hätte zufrieren lassen.
War es plötzlich kalt?
Warum war es so kalt?
Er kannte Night schon so lange, war sie etwa in der Lage…
Hatte sie etwa die Bank überfallen und wollte ihm alles in die Schuhe schieben? Aber warum war er dann auf dem Videoband zu sehen?
Das Licht flackerte und schließlich gingen die Lampen ganz aus.
„Ich hab dir sooft geraten, dass du das Stromnetz von deinem Nachbarn anzapfen sollst. Aber nein, du bist doch ein ehrbarer, rechtschaffener Bürger, der sich nichts zu schulden kommen lässt. War doch klar, das ich ein bisschen helfen musste, sonst währst du noch krepiert, weil du nämlich keine Arbeit hast, kaum Geld zum Leben und trotzdem immer so verdammt freundlich zu allen Leuten sein musst. Auch wenn es offensichtlich ist, das sie dich nach Strich und Faden verarschen.“
Night kam auf Simon zu ihre Augen funkelten gefährlich, selbst in der Dunkelheit konnte Simon ihren irren Gesichtsausdruck erkennen.
„Mr Andrews, wenn sie nicht gleich die Tür aufmachen, dann müssen wir Gewalt anwenden.“
Sollten sie doch rein kommen. Sollten sie doch sehen, dass er bedroht wurde. Es war ihm alles recht, solange Night ihm nicht zu Nahe kam.
„Fahrt doch zur Hölle!!“ brüllte Night.
„Mr Andrews. Wir kommen jetzt rein!“
Die Polizisten traten gegen die Tür. Die trotz der enormen Kraft standhielt.
Entsetzt blickte Simon zu der Rothaarigen hinüber, die begann lautstark zu lachen.
„Ist es nicht traurig, dass du so ein armer, kleiner, schizofrener Hund bist?“
Die Tür zerbrach und Night war weg, aber sie hatte etwas in seinem Gedächniss hinterlassen.
Etwa zwei Monate später, wurde ein junger Mann mit Namen Simon Andrews zum Tod durch Gift verurteilt. Man sagte ihm zwei Morde, eine Vergewaltigung und einen Banküberfall nach. Er sitzt noch heute, wie viele Andere auch, in seiner Zelle und wartet auf seinen Tod und wie viele andere auch, bestreitet er alle Taten.
Er behauptet eine Frau namens Night, habe ihre eigenen Verbrechen auf ihn abgewälzt um sich vor ihrer Strafe zu drücken.
Manch einer mag ihm glauben schenken, aber er wird sie niemals finden, die Frau namens Night. Denn sie existierte für etwa ein Jahr nur in Simons Kopf.

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