Er war einfach nur da

Ein Tränenschleier machte es mir fast unmöglich meinen Weg durch den langen, leeren Flur des Hotels zu finden.

Warum hatte er das getan? Ich hatte ihm alles zu Füßen gelegt.

Meine Seele, mein Herz.

Ihm meine besten Jahre geschenkt.

Warum hatte er mich betrogen?

Ich war vierzig. Das ist doch kein Alter für eine Frau?

War es weil wir keine Kinder hatten?

Ich wusste es nicht, und das zerriss mein Herz.

Endlich hatte ich es geschafft mich zu dem Fahrstuhl vorzukämpfen, der mich vom 14ten Stock aus ins Erdgeschoss befördern sollte.

Ich drückte einfach irgendwelche Knöpfe auf der Schalttafel und irgendwann öffnete sich die Tür und ich stieg in diese riesige Fahrstuhlkabine, in der ich mir so winzig und unbedeutend vorkam.

Tränen liefen noch immer über meine Wangen und zeichneten schwarze Bäche aus Wimperntusche, die ich gleich wieder verschmierte, als ich mir ungeniert mit dem Ärmel die Tränen abwischte und die Nase laut hochzog.

Eine Erinnerungsflut kam über mich und alles war wieder da.

Ich lief den Hotelgang endlang, auf diese riesige Flügeltür zu. Meine Hände waren vor freudiger Erwartung schon ganz feucht.

Was war das für eine Überraschung, die er für mich hatte? Er hatte so geheimnisvoll am Telefon geklungen.

Ich drückte einfach die Klinke herunter und öffnete die Tür. Ich war zu aufgeregt um anzuklopfen.

Und was mich erwartete war wirklich eine Überraschung.

Peter Cornwall, angesehener Geschäftsmann und seit, auf den Tag genau, 18 Jahren mein Ehemann, stand in der Mitte des Raumes und tanzte eng umschlungen mit einer jungen Frau; zu unserem Lied!!!!

Er lächelte sie an und seine Augen strahlten so wie bei unserer Hochzeit.

Erst als sie sich voneinander loslösen konnten bemerkte sie mich.

Ich selbst war wie versteinert und konnte mich nicht von diesem Anblick losreißen.

Schließlich erklärten sie es mir.

Seit 4 Jahren kannten sie sich schon und vor 2 Jahren stellten sie fest, dass sie sich liebten.

Er wollte die Scheidung. Das sagte er mir an unserem Hochzeitstag.

„Warum?“

Wieder stiegen mir die Tränen in die Augen und ein Schluchzen schüttelte mich.

„Das weiß niemand, Goldstück.“

„Doch, er weiß es, aber er will es mir nicht sagen.“

Ich weinte.

Tränen liefen über mein Gesicht und ich versuchte sie abzuwischen.

Plötzlich verharrte ich in der Bewegung. Wer hatte da gesprochen?

Ich drehte mich um, aber da war niemand.

„Hier bin ich, hier unten.“ An die Kabinenwand gelehnt, saß ein junger Mann. Er war Asiate und hatte sein Haar in einem knalligen Pink gefärbt. Um seine Augen herum war er geschminkt und in seiner Hand hielt er eine Schnapsflasche.

Er grinste mich an und prostete mir zu, bevor er die Flasche an die Lippen setzte um einen großen Schluck daraus zu nehmen. Er hatte ein hübsches Gesicht. Man konnte ihn fast mit einem frech aussehenden Mädchen verwechseln.

Er saß einfach nur da, in seinem addidas Trainingsanzug, der ihm zwei Nummern zu groß war und … war einfach nur da.

„Ärger mit dem Liebsten?“ Er grinste, aber er sah trotzdem unglücklich aus.

„Das geht Sie nichts an!“

Warum hatte ich ihn nicht bemerkt? Was wollte er? Nervös strich ich mir eine Strähne aus dem Gesicht und er nahm wieder einen Schluck aus seiner Flasche.

„Das Leben ist ungerecht“ stellte er fest. Er klang schon leicht angetrunken.

Gott, wie ich ihn um seinen Zustand beneidete.

„Auch nen Schluck?“

Ich zögerte einige Sekunden, nahm dann aber doch an. Der Schnaps war warm und brannte entsetzlich in meinem Hals. Mir wurde etwas schwindelig und ich musste mich setzen.

Mit einem Ruck hielt der Fahrstuhl im Erdgeschoß und die Tür der Kabine öffneten sich.

Menschen liefen durch die Halle und gingen ihren Tätigkeiten nach, aber niemand bemerkte uns.

„Musst du nicht raus?“

Er nickte in Richtung Hotelausgang und warf mir einen fragenden Blick zu.

„Ob ich mich nun hier betrinke oder in der Hotelbar, das ist so ziemlich egal.“ Ich nahm noch einen Schluck und gab ihm die Flasche zurück.

Er reckte sich zu der Schaltfläche hoch und drücke einen Knopf. Die Türen schlossen sich und die Kabine setzte sich mit einem erneuten Ruck wieder in Bewegung.

„Wohin fahren wir?“

Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ist aber auch egal. Wir fahren einfach solange bis unser Ticket abgelaufen ist.“

Obwohl ich es nicht wollte, musste ich lächeln. Dieser Junge war wirklich erfrischend.

„Michaela Cornwall, …geschiedenen Cornwall… bald.“

Ich streckte ihm meine Hand entgegen und er nahm sie. Sie war so kalt, wie der Schnaps warm war.

„Shadow“ es klang knapp und kurz angebunden aber trotzdem herzlich.

„Also hatte ich doch Recht, Goldstück.“ Er setzte die Flasche erneut an, trank aber nichts.

Wieder stiegen mir die Tränen in die Augen. „Hey, hey, nicht weinen! Ich kann Frauen einfach nicht weinen sehen, schon gar nicht so eine hübsche Frau wie sie es sind.“ Shadow reichte mir ein Taschentuch und sah mich mitleidig an.

„Reden ist besser als weinen!“ Er nickte, als müsse er sich selbst erst davon überzeugen. „Reden wir!“

„Heute ist unser Hochzeitstag…“ Ich schnäuzte in das Taschentuch und erzählte ihm alles.

Ich saß da und redete und redete und der Aufzug hielt immer wieder und setzte sich immer wieder in Bewegung …und Shadow? Er saß da, war ganz still und hörte mir einfach nur zu.

„Sie war noch fast ein Kind.“ Endete ich und brach wieder in Tränen aus.

Ich hörte wie Shadow sich aufrichtete, sich bewegte und sich schließlich neben mich setzte. Er legte einen Arm um mich und ich ließ mich fallen.

Ich weinte hemmungslos, wie ich es noch nie zuvor in meinem Leben getan hatte.

„Liebe ist etwas Schönes.“

Mit einem Mal klang er, als hätte er den ganzen Abend keinen Alkohol angerührt.

„Es tut weh, wenn die Liebe enttäuscht wird und es tut noch lange Zeit danach weh, aber irgendwann, wirst du zurückblicken und sehen, wie gut du es trotz allem hast.“

Meine Nase war vom vielen Schnäuzen schon wund und rot und meine Augen dick und geschwollen, aber noch immer lief mir das Wasser aus Augen und Nase.

Er zitterte, am ganzen Körper.

„Weißt du, ich war auch einmal verliebt. Er hat mir den Himmel auf Erden versprochen. Aber er war nicht gut zu mir.“ Seine Stimme klang gepresst, so als halte er die Tränen mit aller Gewalt zurück.

Ich versuchte in seine Augen zu sehen. Sie waren so stumpf und leer.

„Ich habe viele Dinge für ihn gemacht. Dinge, die ich nicht wollte.“

Shadow lachte.

Es klang bitter.

„Er hat mir beigebracht, das weinen nichts nütz. Es achtet sowieso niemand darauf.“

Wieder nahm er einen Schluck aus der Flasche und ich konnte fühlen, wie er sich entspannte und in sich zusammensackte.

Er war eingeschlafen.

Ich blickte zu der Anzeige um zu sehen in welchem Stockwerk wir uns befanden, aber ich konnte nichts erkennen, denn die Ziffern begannen vor meinen Augen hin und her zu tanzen und verschwanden schließlich in der völligen Leere die mich umschloss.

Ich erwachte mit Kopfschmerzen und stellte fest, dass es nicht mein Bett war, in dem ich lag, sondern eines der Hotelbetten.

Dunkel konnte ich mich an die Geschehnisse des vergangenen Abend erinnern.

Peter und diese junge Frau, das Geständnis, das er sich scheiden lassen wollte und …

Shadow. Der pinkhaarige Junge, mit dem ich den Rest des Abends unentwegt den Fahrstuhlschacht hoch und wieder herunter gefahren war.

Dem Jungen, der mich nicht gekannt hatte und doch für mich da gewesen war.

Wo war er nur?

Ich hörte wie sich die Zimmertür öffnete und ein Zimmermädchen den Raum betrat.

„Sie sind schon aufgewacht wie ich sehe.“

Sie lächelte mich freundlich an, aber es war ein aufgesetztes Lächeln. Ein Lächeln, das nichts wert war.

„Unser Portier fand sie um etwa 1Uhr nachts im Fahrstuhl. Sie haben geschlafen und weil bei ihnen Zu Hause niemand zu erreichen war, haben wir sie in dieses Zimmer gebracht.“

Sie ging zum Fenster und zog die Vorhänge zur Seite.

Die grellen Sonnenstrahlen blendeten mich und ich kniff die Augen zu.

„War wohl ne harte Nacht!“

Das Zimmermädchen lächelte noch immer, aber ich konnte in ihrer Stimme ganz deutlich, hören, was sie wirklich meinte.

`Alte Säuferin`

Aber es war mir im Moment egal. „ War noch jemand im Fahrstuhl?“

Das Mädchen blinzelte erstaunt. „Ja, da war ein Junge mit pinken Haaren. Aber keine Angst. Den haben wir gleich rausschmeißen lassen. Der hatte hier nun wirklich nichts zu suchen. Dieser abartige, kleine Parasit.“

Niemals wieder wurde mir die Kluft zwischen Arm und Reich so deutlich gemacht wie an diesem Morgen. Auch verstand ich, daß es nicht immer die Guten sind, die Belohnt werden.

Shadow half mir in einer der schwersten Stunden meines Lebens, aber ich konnte nichts für ihn tun, denn ich wusste nicht wo er war.

Einmal jedoch sah ich ihn wieder. Zwar nur für einen flüchtigen Moment, aber ich erkannte ihn.

Ein Mann sprach mit ihm, gab ihm Geld und Shadow stieg in das Auto ein, das kurz darauf in den Strassen New Yorks verschwand.

~ von Shidave am Januar 2, 2009.

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