Mahlstrom
Eigentlich ein Beitrag für einen Wettbewerb, allerdings hatte der Veranstalter Probleme die Datei zu öffnen und am Ende hielt mich ein Serverabsturz von unserem Internetanbieter davon ab, eine neue Version zuzuschicken, weswegen ich denke, dass sie nicht an dem Wettbewerb teilnehmen wird. Darum stelle ich sie hier rein.
Mahlstrom
Fahles Licht fiel durch ein scheibenloses Fenster, welches in einebrüchige Häuserwand eingelassen war. Von dem Gebäude selbst existierten nur noch drei der vier Außenwände und es besaß weder Dach, noch etwas in seinem hohlen Bauch, was es vor Regen zu schützen gäbe.
Lediglich die Insekten fanden hier noch in kleinen Ritzen und Fugen innerhalb des Mauerwerkes Schutz.
Der Boden war mit einer dicken Schicht aus Staub und Schmutz bedeckt.
Hier und dort zeugten Trümmerfelder von dem Zusammensturz von Gebäuden, die ihre Nachbarhäuser mit sich gerissen und so noch tiefere Narben in die Haut der Stadt geschlagen hatten.
Eine Wolke schob sich vor den Mond, welcher hoch am Himmel stand, und sein schwindendes Licht füllte die Schatten auf, die sich wie ein wogendes Meer auf dem Boden abzeichneten.
Die Stadt versank in der Finsternis.
Doch diese Finsternis brachte Leben hervor.
In den Ruinen der Stadt setzte ein Huschen ein. Wie kleine Irrlichter stoben Gestalten aus ihren Verstecken und suchten sich ihren Weg durch die Dunkelheit.
Einige von ihnen waren Tiere, die, nun unsichtbar für nachtblinde Feinde, nach Beute ausschwärmten oder in ihre Höhlen zurückkehrten.
In Ferin Glühzahls Kopf hatte nur ein Gedanke Platz.
Er musste ES finden.
Er war ein Suchender, ein Späher seines Clans, der ausgeschickt worden war, um in den Trümmern der alten Kaiserstadt einen Überlebenden zu finden.
Seine Lunge schmerzte als sie sich mit der kalten Luft voll sog und sie kurz nachdem sie sie aufgenommen hatte, wieder herauspresste.
Seine Muskeln schmerzten bei jeder Bewegung und sein Herz jagte das Blut mit einer ungeheuren Geschwindigkeit durch seine Venen, dass ihm davon übel wurde.
In der Finsternis prallte er immer wieder gegen kleinere Hindernisse, die er nicht sah, und jedes mal fluchte er still in sich hinein, wegen des Schmerzes und dem Geräusch was Zeugnis davon ablegte, dass er durch die Ruinen wandelte.
Er wusste, dass die Stadt besetzt war, auch wenn er noch keinen der Eroberer gesehen hatte. Auch während des Krieges hatten nur Wenige die Hintermänner gesehen. Man erzählte sich nur von den Schrecken, die die Dunkelheit mit sich gebracht hatte. Das Menschen aus ihren Häusern und aus den Straßen verschwanden, von den seltsamen Träumen der Seher und den Toten, die zerquetscht in ihren Betten aufgefunden wurden, in die sie sich vor wenigen Stunden noch gelegt hatten. Immer war das Haus unversehrt geblieben und oft lagen noch Ehepartner oder Kinder völlig unbeschadet neben den Toten und schliefen.
Erst als man in der Kaiserstadt ausrufen ließ, dass alle Bürger ihre Träume versiegeln sollten, waren sie aus ihrer Deckung getreten.
Ihre Diener waren riesenhafte Schatten gewesen, die Häuser überragten und wie Drachen Feuer spuckten.
Ihre Fußsoldaten waren groß und schwarz und klauenbewehrt. Sie hatten vor nichts Halt gemacht, was sich ihnen in den Weg gestellt hatte.
Die Kaiserstadt war zuletzt gefallen.
Vor ein paar Tagen.
Es gab nur einen Überlebenden, der sich irgendwo in den Trümmern verbarg.
Als er einen großen Stein, oder war es ein Teil einer eingestürzten Mauer, übersah und hart auf den Boden fiel, beschloss Ferin, dass auch seine alten Augen ein wenig Licht benötigten.
Vorsichtig kniete er sich hin und schloss die Augen. Sein Vorhaben war gefährlich und das wusste er auch, aber blind würde er sein Ziel niemals finden.
Sein Atem wurde ruhiger. Sein Herz begann langsamer zu schlagen bis es eine normale Frequenz erreicht hatte und es wurde immer langsamer.
Jeder einzelne Schlag pumpte einen Schwall von Blut durch seine Adern und Ferins Gedanken folgte ihm.
Tief in ihm drin gab es eine Tür.
Nicht jeder hatte sie, nur einige Wenige, die in die Reihen der Zauberer fielen kannten sie und wussten wozu sie da war.
In seinem Geist stand Ferin nun vor dieser Tür hinter der Etwas nach ihm rief und ihn lockte.
Es war ein mächtiger Mahlstrom, der das ganze Universum antrieb.
Seine Untiefen waren tückisch und seine Macht berauschend. Süß wie Honig lockte er jeden, der die Tür öffnete, um ihn dann zu verschlingen, wenn der Strom entfesselt wurde.
Nicht wenige fielen ihm während ihrer Ausbildung zum Opfer und auch wenn man voll ausgebildet war, kam es immer wieder vor, dass er jemanden in seine Untiefen zog.
Zurück blieb nur ein ausgebrannter Leib dessen Seele irgendwo in dem Mahlstrom trieb und dort verzehrt wurde. Für immer aus dem Zyklus der Wiedergeburt gerissen.
Auch Ferin wäre ihm fast einmal zum Opfer gefallen. Seine Meister hatten tagelang um sein Leben gekämpft und es hatte fast ein halbe Jahr gedauert bis er nicht mehr gefüttert werden musste. [unklarer Bezug, wer genau?]
Er fürchtete sich seit dem Tag, als der Strom ihn fast verschlungen hätte, jedes Mal aufs Neue davor die Tür zu öffnen.
Vorsichtig streckte er seine Hand aus um nach der Klinke zu greifen. Sie war kalt und glatt, aber kaum, das [„dass“ oder „da“, aber nicht „das“] er sie berührte, konnte er das Locken des Stroms fühlen.
Wie eine alte Geliebte wandt er sich um Ferin und säuselte ihm mit süßer Stimme Verlockungen ins Ohr.
Und es kostete Ferin Kraft ihnen zu widerstehen.
Sacht drückte er die Klinke hinunter und öffnete die Tür einen einzigen, winzigen Spalt breit.
Warmes, goldenes Licht fiel durch den feinen Spalt, wie ein dünner Spinnenfaden und Ferins Geist griff ihn auf und verwob ihn sanft zu einer kleinen Kugel aus Licht, die neben seinem Kopf hin und her schwebte, wie ein Irrlicht.
Zärtlich lockte der Strom ihn, zupfte an seiner Haut, aber Ferin hatte was er benötigte und schloss die Tür.
Als er seine Augen wieder öffnete, wurde die Dunkelheit um ihn herum von dem blass-blauen Licht des Irrlichtes erhellt und zeigte ihm den Weg an den Steinen vorbei.
Er musste sich beeilen und hoffen, dass niemand ihn sehen würde.
Denn er konnte nur eines, sehen oder weiter durch die Schwärze stolpern.
Wie Monster aus einer anderen Welt ragten die Ruinen von Tempeln, Palästen und Häusern in den Himmel empor.
Die breite Hauptstraße war einmal belebt gewesen. Es hatte der Duft von Gewürzen und Parfums in der Luft gelegen. Musik war aus den edlen Gasthäusern gedrungen und hatte sich mit den Geräuschen der Straße gemischt. Die, die es sich hatten leisten können, waren auf Sänften getragen worden, jene, die es nicht konnten, waren zu Fuß oder zu Pferd über die gepflasterten Wege gewandert.
Für einen Moment sah Ferin noch einmal die Massen ,die dicht gedrängt die Straße hinauf und hinunter drängten, aber dann verblasste die Erinnerung und er sah statt der mit grüner Patina bedeckten Kuppel des Tempel von Lodis nur noch das ausgebrannte Skelett, was sich dunkel und drohend gegen den Himmel abzeichnete.
Früher war er gerne diesen Weg gegangen, aber nun, da die Stadt in Feindeshand war, verfluchte er die breite ungeschützte Fläche die die Straße noch immer bot, obwohl viele der Häuser, die ihren Rand gesäumt hatten dem Krieg zum Opfer gefallen waren.
So gut es ihm möglich war, huschte er von Deckung zu Deckung, wobei ihn sein Irrlicht sichtlich behinderte, indem es ihn in einen kühlen blauen Schein hüllte.
Gerade als er es verschwinden lassen wollte, weil die Wolken sich lichteten und wieder etwas Mondlicht hindurch ließen, nahm er am Rande seines Blickfeldes eine Bewegung wahr.
Aus einer dunklen Gasse konnte er das Geräusch von nackten Füßen auf dem staubigen Boden hören.
Da er in die Stille eingehüllt war wie in einen Mantel, war das eigentlich leise Platschen wie das Donnern einer sich entfernenden Lawine.
Ein Grinsen teilte sein Gesicht fast in zwei Hälften. Es konnte keine Patrouille des Feindes sein, die trugen alle eiserne Stiefel, die zwar durch einen Zauber leichter gemacht worden waren, aber ihre Träger noch immer durch lautes Scheppern ankündigten.
Er hatte den Überlebenden gefunden.
Alle Vorsicht fiel von ihm ab, als er aus seiner Deckung hinter zwei besonders großen Steinen hervortrat, die Straße im Laufschritt überquerte und dem Tappen in die Gasse folgte.
Er fühlte sich wie in einem Traum, leicht und beschwingt.
Er hatte ihn gefunden den Überlebenden.
Er würde ihn mit in ihr Lager, außerhalb der Stadt nehmen und dann würden sie diese Region hinter sich lassen, zu dem Sammelpunkt ziehen, wo sich alle Clans trafen, um in den fernen Bergen Schutz suchen.
In die Berge, in die Wenige gegangen waren, weil sie wild und unberechenbar waren. Wo den Legenden nach Drachen hausten und ein mächtiger Magier ein Portal bewachte, dass den, der es durchschritt, zu den Göttern und zu deren Mutter, dem Alter, brachte.
Niemand wusste, was sich wirklich in den Bergen verbarg. Manchmal ging ein seltsames Leuchten von ihnen aus und einige Berge waren so hoch waren, dass sie die Wolken überragten.
Nicht einmal die Teufel, die ihr Land überfallen hatten, würden ihnen dorthin folgen und sie könnten dort vielleicht ein neues Reich errichten, oder sich ihren Weg in andere Länder bahnen.
„Wir können diesen Flüchtling nicht zurücklassen. Wir dürfen niemanden zurücklassen der zu unserm Volk gehört, nicht jetzt, wo es wichtig ist, dass wir alle zusammen sind.“
Aura, hatte ernst geklungen, als sie das zu ihrem Anführer gesagt hatte.
Hedim war ein guter Freund und ein treue Gefährte von Ferin gewesen. Er hatte lange Zeit als Soldat und Söldner sein Brot verdient.
Als er erkannte, dass ihr Kampf aussichtslos war, hatten er und seine Vertrauten Nachrichten in alle Städte geschickt. Sie hatten die Überlebenden aus ihren Regionen aufgefordert sich an festgelegten Sammelpunkten zu treffen. Von dort aus wurden sie dann zu einem anderen Punkt geschickt, wo alle Flüchtlinge zusammen trafen.
Und von dort aus sollten sie dann in die Berge ziehen.
Er löschte das Irrlicht nicht und es tanzte sanft neben ihm auf und ab, als er sich seinen Weg durch die schmale Gasse suchte, vorbei an Steinen und Mauerteilen.
Er konnte die Gegenwart des Anderen förmlich spüren, als er ihm durch das Gewirr der Gassen folgte.
Doch dann war es plötzlich wieder still.
Verunsichert verlangsamte Ferin seine Schritte.
War er einer Illusion aufgesessen? Hatte seine Sehnsucht endlich wieder ins sichere Lager zu dürfen seinen Sinnen einen Streich gespielt?
Er blieb stehen und lauschte in die Nacht während sein Herz wieder langsamer, aber doch für ihn deutlich hörbar gegen seine Brust schlug.
Da – …ein Geräusch, das klang, als würde jemand versuchen über Steine zu klettern.
Mit einem kleinen Winken in seine Richtung bedeutete er dem Irrlicht, heller zu leuchten.
Kurz wurde es dunkler und in seinem Inneren flackerte es, dann jedoch erstrahlte es. Sein Licht malte tanzende Schatten auf die Steine. Es tauchte die Gasse in ein fahles, blau- weißes Licht.
Auf einem Haufen aus Steinen kauerte eine Gestalt.
Sie hatte helles gelocktes Haar, was ihr bis zum Kinn reichte, abgetragene Kleidung, die über und über mit Staub bedeckt war. Das Wams und die eng anliegende Hose waren blass und mit aufwendigen Mustern bestickt, was auf eine wohlhabende Herkunft ihres Trägers schließen ließ.
Als das Licht auf sie fiel, erstarrte die Gestalt mitten in der Bewegung und rührte sich nicht mehr.
Es dauerte eine kleine Ewigkeit bis Ferin aus seiner eigenen Erstarrung erwachte.
So dünn und ausgemergelt erschien ihm sein Gegenüber und klein, nicht viel mehr als ein Kind… ein Knabe vielleicht.
Wie sollte er jetzt vorgehen?
Vorhin hatte alles noch ganz einfach ausgesehen. Er nahm ihn mit sich und brachte ihn zu dem Lager, dass er vorher das Vertrauen seines Gegenübers gewinnen musste um ihn dann dazu zu bewegen ihm zu folgen, war ihn gar nicht in den Sinn gekommen.
Eines war jedoch klar. Solange er schwieg würde der Knabe ihm nicht vertrauen.
Also holte er tief Luft und machte einen Schritt auf die zitternde Gestalt zu.
„Mein Name ist Ferin Glühzahl. [oben hieß er anders!] Ich wurde geschickt, um dich zu suchen und zu den anderen Überlebenden zu bringen. Unser Volk verlässt dieses Land und es will dich an seiner Seite haben.“
Vielleicht war es der feste Klang in Ferins Stimme gewesen, der ihn selbst überraschte,
aber plötzlich hörte sein Gegenüber auf zu zittern und drehte sich ganz langsam zu ihm um.
Ferins Herz setzte für einen Moment aus.
Ein Mädchen.
Sie war noch jung, vielleicht 16 Jahre. Ihre hellen Augen waren geweitet und vom Weinen gerötet, aber sie war schön. Eine besonders widerborstige, goldene Locke fiel ihr in die Stirn, auf der ein zylinderförmiger Balken eintätowiert war.
Die großen Augen wurden von dunklen, dichten Wimpern eingerahmt und ihre Stupsnase war schmal und lang.
Der schmale Schmollmund war blass, aber wohlgeformt. Ihr Gesicht war ebenfalls blass und zeichnete sich durch hohe Wangenknochen und ein spitzes Kinn aus.
Für einen Augenblick lang, fühlte er sich an E ` ley erinnert und verharrte in stummer Betrachtung.
Dumpf und sich gemächlich nähernd, hallten Schritte auf.
Aber es waren nicht die vorsichtig huschenden Schritte eines zweiten Suchenden, vielmehr war es der sichere Gang eines Wächters der auf Patrouille war.
Ferin hob langsam die Hand zu seinem Mund und deutete dem Mädchen an, sie solle ruhig sein.
Er hoffte, dass die Patrouille sie nicht sehen und weiterziehen würde.
Doch der Wächter schien andere Pläne zu haben, als die weitläufige Hauptstraße entlang zu gehen.
Zu Ferins Entsetzen ging er genau auf sie zu.
Schnell löschte der Magier sein Licht und hastete auf das Mädchen zu, welches noch immer auf den Steinen zusammengekauert saß.
Seine Arme schlossen sich um ihren dürren Leib und er zog sie mit sich hinter den Steinhaufen, der sie vor den Blicken der Wache schützen sollte. Den leisen Schrei, der ihrem Mund entschlüpfte wurde von seiner Hand gedämpft.
Mit bedächtigen Schritten trat die Frau in die Gasse.
Sie war nicht schwer bewaffnet und auch nicht gut gerüstet. Ihre Kleidung bestand aus einer schwarzen, leichten Robe, die an der Hüfte geschnürt war und einer bequemen, ebenfalls schwarzen Leinenhose. Die Stiefel waren aus einem leichten Stoff, welcher es ihr ermöglichte sich schneller und leiser zu bewegen.
Das dunkle Haar fiel ihr offen über die Schultern und setzte das bleiche Gesicht umso krasser in Szene.
Kurz vor der umgestürzten Mauer blieb sie stehen und sah sich um, ohne sich vom Fleck zu bewegen.
Dann teilte ein Lächeln ihr Gesicht und sie wandte sich wieder zum gehen.
Erst als die Schritte der Wache wieder auf der Hauptstraße verhallt waren, wagte Ferin wieder zu atmen.
Seine Hand lockerte sich und er entließ das Mädchen, dessen Gesicht tränenüberströmt war aus seinen Armen.
„Es tut mir leid.“
Mehr brachte er nicht heraus.
Götter, sie sah E ` ley so ähnlich. Seiner kleinen E ` ley.
Der Weg zurück zum Lager war lang gewesen und war ihnen wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen.
Doch als Ferin und das Mädchen gemeinsam in der kleinen Ansammlung von Zelten standen und darauf warteten das Aura sie empfangen würde, spürte der Magier, das es sich gelohnt hatte, diese Strapazen auf sich zu nehmen.
Aus den Augenwinkeln heraus betrachtet er seinen Schützling. Während des ganzen Weges hatte sie nicht einen Ton gesagt oder wieder geweint.
Sie stand einfach nur da und starrte in die Leere.
`Was sie wohl durchgemacht hat? `
Eine Plane schwang zur Seite und die Seherin Aura trat aus dem Zelt.
Aura war die Jüngste ihrer Zunft, allerdings auch die Begabteste. Obwohl sie noch nicht einmal zehn Jahre alt war.
Ihr rundes Kindergesicht war ernst und mit jeder Bewegung ihres Kleides klimperten kleine Glocken, die an ihrem Rock angebracht waren.
„Ich hätte gedacht, dass du älter bist.“
Ferin schauderte bei dem Blick, den Aura dem Mädchen schenkte.
Aura war als Schneekind zu Welt gekommen. Haut und Haare waren bei ihr weiß und die Augen hatten einen eigenartigen Rotton als Farbe.
Ihresgleichen wurde schon immer mit besonderen Gaben gesegnet und Aura wurde die jüngste Seherin aller Zeiten.
Bange Stunden wartete das ganze Lager vor dem Zelt der Seherin, in das die beiden Mädchen verschwunden waren. Bis die Beiden endlich, begleitet von einigen Sehern, die dem Gespräch beigewohnt hatten, wieder hinaus ins Freie traten.
Nun würde die Reise endlich weitergehen.
Am Fuße des Berges Chetalon würden sie sich mit den anderen neun Gruppen, die durch das Land zogen vereinigen und weiter in die Berge ziehen, wo sie auf eine Zukunft hofften.
Er erinnerte sich an sie. Seine kleine Tochter E`ley.
Sie war ein wundervolles Kind gewesen. Liebreizend und folgsam. Aufgeweckt und intelligent.
Doch dann war ihr Geist in die lange Dunkelheit gegangen. Unbemerkt hatte die Krankheit sich durch ihren Verstand gefressen und war erst entdeckt und erkannt worden, als es zu spät war.
Ferin Glühzahl sah noch immer ihr kleines Gesicht vor sich. Die großen Augen, die ängstlich durch den Raum irrten und an keinem der geliebten Gesichter Halt machten.
Er öffnete die Augen und blickte an die Decke seines Zeltes.
Dieses Mädchen… es war genauso hilflos wie seine E`ley damals.
Mit von Schlaf noch tauben Gliedern stand er auf und schritt in Richtung des Zeltes, in dem man das Mädchen untergebracht hatte. Er würde auf sie Acht geben, so wie er auf seine kleine E`ley hätte Acht geben müssen.
„Findet Ihr mich grausam? Denkt Ihr ich bin grausamer als sie?“ Die Frau in schwarz sah auf Ferin hinab, der gebrochen in seinen Ketten hing.
Er hatte sie doch verteidigen wollen… er hatte ein Leben für sie geben wollen… und nun das.
Seine Augen waren trüb und stumpf und es kostete ihn viel Kraft den Kopf zu heben, um die Frau anzusehen.
Es war die Frau, die er in der Stadt gesehen hatte. Nur trug sie nun eine Robe, die sie schmückte als wäre sie an einem Königshof und nicht in einem staubigen Soldatenlager.
„Ihr Verrat tut weh, nicht war?“ Sie sah ihn mitleidig an. „Hier, ich gebe Euch etwas, was die Schmerzen lindern wird.“
Sie berührte seine Stirn und er spürte, wie etwas in seinem Inneren sich löste.
Mit einem milden Lächeln drehte sie sich um und ließ den Gefangenen alleine.
Er war von Kampflärm geweckt worden. Es war vor einigen Tagen gewesen, oder erst vor wenigen Stunden?
Sie hatten das Lager gefunden.
Er hatte nicht gewusst wie.
Durch den Schutzwall der Seher waren sie nicht unentdeckt geblieben. Sie waren wie eine dunkle Flut über das Lager hereingebrochen und hatten die Flüchtlinge niedergemäht.
Der Alptraum hatte wieder begonnen, wie in den Städten waren sie nicht aufzuhalten gewesen, nur dass sie hier nicht vor Mauern kämpften, sondern in dünnwandigen Zeltstädten.
Dann war die Frau in schwarz erschienen. Sie war ihre Generälin. Sie hatte sie geführt und den vernichtenden Schlag gegen die Flüchtlinge geleitet. Sie war auf das Zelt zugeschritten, vor dem Ferin immer noch kauerte.
Er war mit Blut bedeckt und vor ihm lagen die Leichen all derer, die sich ihm und damit dem Zelt genähert hatten.
Er hatte sich zum Angriff bereit gemacht, bereit sich für seine Ziehtochter zu opfern. Um ihr eine Chance zu geben zu flüchten, doch sie hatte die Plane beiseite geschoben und hatte ihn von dem Strom abgeschnitten.
„Musstest du dir so lange Zeit lassen? Ich bin doch weiß Gott schon genug gestraft, weswegen musste ich meine Zeit verplempern, indem die Aktion so lange hinausgezögert wurde?“
Die Stimme des Mädchens war kalt und ohne Gefühl.
Die Frau in schwarz hatte nur gelächelt und einen tiefen Knicks vollführt.
„Verzeiht mir, Herrin.“
Dann hatte sich das goldhaarige Mädchen zu Ferin umgedreht, welcher wie ein Fisch an Land nach Atem rang, noch immer überwältigt von dem Schock der Abtrennung, die er erlitten hatte. „Ihn nicht!“ Sie hatte mit dem Finger auf ihn gezeigt.“ Mit ihm will ich noch ein bisschen Spaß haben.“
Nach und nach waren alle gestorben, auch die kleine Aura und der starke Hedim.
Nun blieb nur noch er übrig und sah einem qualvollen Schicksal entgegen. Doch man hatte ihm einen Ausweg gewährt, eine Möglichkeit zur Flucht.
„Eure Gnade ist pervers…“
Er schloss die Augen und gleich war das Locken da. Er sah in seinem Geist die Tür und hörte wie es ihn rief.
Es zog an seiner Haut, an seinem Verstand und an seiner Seele.
„… doch sie ist mehr als ich bei meinem Feind zu finden gehofft hatte.“
Dann riss er die Tür auf und stürzte in den Mahlstrom, hinein in das ewige Vergessen.

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